Frieden. Freiheit. Luxus?

Frieden. Freiheit. Luxus?

  • Seit über einem halben Jahr ist Krieg in der Ukraine. Obwohl… wenn man es genau nimmt, sogar schon länger – seit 2014, als Russland im Osten des Landes zwei “Volksrepubliken” entstehen ließ und die Krim annektierte. Seit mindestens acht Jahren also versucht Wladimir Putins Russland alles, um die Ukraine zu destabilisieren. Über die Gründe kann man diskutieren – sicherlich spielt die Sorge vor einer weiteren Westorientierung des Nachbarn und damit ein weiterer Bedeutungsverlust Russlands eine große Rolle. Dass es Putin in seinen Kriegen darum gehe, angebliche Faschisten auf dem Gebiet der Ukraine zu bekämpfen, glauben kurioserweise wohl deutlich mehr Menschen im freien Westen als in Russland selbst.

Womit ich beim Thema bin: der freie Westen. Frieden seit 1945, Freiheit zumindest bei uns auch. Unser Problem: wir haben vergessen, dass Frieden und Freiheit Luxus sind. Errungenschaften, die nicht selbstverständlich einfach da sind, sondern hart und blutig erkämpft werden mussten. Und die, weil der Mensch leider primitiv und gierig ist, nicht für die Ewigkeit gelten – wenn man nicht weiter für sie kämpft.

“Edel sei der Mensch, hilfreich und gut”. Das hat Johann Wolfgang von Goethe 1783 aufgeschrieben. Und Goethe stellt weiter fest, dass nur dieses Verhalten ihn, den Menschen, von anderen Geschöpfen, er nennt sie Wesen, unterscheide. Ob Goethe wusste, dass seine Hymne auch 2022 noch topaktuell sein würde? Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Ein langer Weg zum Ziel, aber eben kein Ist-Zustand. Weder damals noch heute.

Frieden und Freiheit sind kein natürlicher Grundzustand menschlichen Miteinanders, auch wenn wir es gern anders hätten. Menschliche Gesellschaften sind hierarchisch aufgebaut, selektieren, trennen, herrschen. So sind wir, das ist unsere Prägung, unser Erbe. Wer das versteht, kann damit umgehen und daran arbeiten, es zu ändern. Aber das ist tatsächlich harte Arbeit. Ein bisschen wie Schwimmen: wer die notwendigen Bewegungen nicht ausführt. geht unter. Und genau das erleben wir zunehmend in unserer westlichen Welt.

Unsere freiheitlichen Gesellschaften kümmern sich derzeit um Vieles, aber nicht um die Grundlagen, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, uns für diese Grundlagen einzusetzen. Frieden und Freiheit bedeuten zum Beispiel ganz grundlegend auch, niemandem einen fremden Willen aufzuzwingen. Den Spielraum für den Diskurs nicht künstlich eng zu halten, sondern gegenteilige Positionen auszuhalten, im besten Fall daraus selbst zu lernen. Der Wettkampf der Argumente ist das einzige, das ethischen Fortschritt bringen kann. Doch in der Realität neigen wir längst dazu, Diskussionen für beendet zu erklären. Wer sich nicht daran hält, ist ein Störenfried. Ein Leugner. Diffamierende Bezeichnungen für Menschen mit abweichenden Ansichten gibt es genügend.

Eines der besten Beispiele dafür ist die nicht stattfindende Diskussion um einen Klimawandel. Hier ist der Korridor der akzeptierten Positionen bereits äußerst knapp im Durchmesser. Links dran vorbei an der postitulierten Wahrheit? Oder gar rechts? Oben oder unten? Dann ist man ein Klimaleugner, der nicht weniger in Kauf nehmen will als das Ende der Menschheit. Dieser fast schon religiöse Ansatz ist mir zuwider. Ich bin ein neugieriger Mensch, der im Laufe seines Lebens schon oft seine Ansichten geändert hat. Ändern musste, weil ich neue Argumente kennengelernt habe und neue Erfahrungen machen durfte. Meine heutigen Positionen sind weder links noch rechts, sie sind ein Ergebnis dieser Entwicklung. Und sie sind meilenweit davon entfernt, was ich mit 16 vertrat.

Um beim Beispiel zu bleiben: Ein Klimawandel kann viele Ursachen haben, da ist sich “die Wissenschaft” tatsächlich einig. Die Theorie des menschgemachten Klimawandels beschreibt dabei nur einen Aspekt der möglichen Ursachen. Aber es gibt eben auch eine Reihe natürlicher Einflüsse, die einen Klimawandel auslösen oder begünstigen können. So reichen bereits veränderte Sonnenaktivitäten aus, um das Klima auf der Erde zu erwärmen oder abzukühlen. Und dass sich das Klima auf der Erde sowieso stetig wandelt, bestreitet auch niemand.

Ja, ich zweifle. Ich zweifle an allem, was mir fix und fertig vorgesetzt wird. Nicht nur, weil ich absoluten Wahrheiten sowieso maximal skeptisch gegenüberstehe, sondern auch, weil eine Diskussion, die für beendet erklärt wird, das Gegenteil von Freiheit bedeutet. Starke Argumente überzeugen, müssen aber nicht mit einem “Basta” geschützt werden. Und das gilt für viele Diskussionen, die unsere Gesellschaften führen müssten, die aber nicht geführt werden. Cui bono? Ganz sicher nicht die Gesellschaft an sich.

Noch etwas, das den Menschen wohl schon immer ausmachte: sein Hang zur maßlosen Selbstüberschätzung. Ich bleibe beim Beispiel: Wenn der Mensch einen Klimawandel verursachen kann, so die fast schon logische Schlussfolgerung, dann kann er ihn auch aufhalten. Befeuert wird diese Denkweise von Protagonisten, die nicht nur sehr gut daran verdienen, sondern die es ohne dieses Denken so gar nicht gäbe. In Teilen Europas äußern sich die Ergebnisse dieser Selbstüberschätzung im Glauben, man könne einen Klimawandel quasi im Alleingang aufhalten. Natürlich wird ständig betont, dass die Welt sich da schon einig sein und an einem Strang ziehen müsse. Faktisch aber sind es nur sehr wenige, vergleichsweise kleine Länder, die hier in die Vorreiterrolle schlüpfen.

Dumm nur, dass viele andere diese Rolle gar nicht anzweifeln wollen und sich auch gar nicht bemühen, nachzuziehen. So kastriert man sich in Europa selbst beim Versuch, möglichst viele Kleinstmengen CO² einzusparen und erreicht damit sogar das Gegenteil. Denn mit einer schrumpfenden Wirtschaft schrumpfen auch die Einflussmöglichkeiten auf die Länder, die mit CO²-Reduktionen tatsächlich messbare Ergebnisse liefern könnten. Dazu kommt, dass Vorbildfunktion und Strahlkraft freiheitlicher Gesellschaften massiv abnehmen, wenn die Menschen dort zu viel Zwang und Einschränkungen erleben müssen. Anstatt also Unmengen an Geld und Mühen dafür zu versenken, wäre es deutlich intelligenter und nachhaltiger, sich auf die möglichen Folgen eines Klimawandels vorzubereiten. Und, ganz wichtig, dabei nicht aus den Augen zu verlieren, was für ein Geschenk Frieden und Freiheit sind. Denn nur sie erlauben es einer Gesellschaft, sich zu entwickeln. Totalitäre Systeme, faschistische oder sozialistische zum Beispiel, bedeuten dagegen Stillstand. Das hat die Geschichte ausreichend bewiesen. Und, mit Blick Richtung Osten, das beweist sie jetzt, in diesem Moment, erneut.

Trauen wir uns, miteinander zu reden. Offen zu diskutieren, Meinungen zuzulassen. Und lassen wir uns dann auch gern überraschen, was die Ergebnisse sind. Wir brauchen dringend eine neue Debattenkultur. Der Wettbewerb der Argumente ist für eine freiheitliche Gesellschaft überlebenswichtig. Kein Mensch hat das Recht, einem anderen seine Denkweise aufzuzwängen. Niemand ist ein Leugner, und wenn jemand querdenkt, ist es erst einmal nichts Falsches. Hört Euch endlich gegenseitig zu! Diesen Luxus müssen wir uns gönnen.

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