Schrei doch!

Massive Schlagseite beim Unwort des Jahres

Jetzt ist es also raus, und wenig überraschend hat auch das “Unwort des Jahres” 2022 massive Schlagseite: “Klimaterroristen”.Die Begründung dafür liest sich so, als hätten die Gemeinten selbst die Definition verfassen dürfen:

Mit dem Ausdruck Klimaterroristen wird im öffentlichpolitischen Diskurs pauschal Bezug auf Akteur:innen genommen, die sich für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen und die Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens einsetzen. Der Ausdruck wurde im öffentlichen Diskurs gebraucht, um Aktivist:innen und deren Protest zu diskreditieren. Die Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil Klimaaktivist:innen mit Terrorist:innen gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert und diffamiert werden. Unter Terrorismus ist das systematische Ausüben und Verbreiten von Angst und Schrecken durch radikale physische Gewalt zu verstehen. Um ihre Ziele durchzusetzen, nehmen Terrorist:innen dabei Zerstörung, Tod und Mord in Kauf. Durch die Gleichsetzung des klimaktivistischen Protests mit Terrorismus werden gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt.”

(aus der Pressemitteilung der “Sprachkritischen Aktion”)

Die Wahl der Jury ist keine Überraschung. Fast durchgehend seit der ersten Inszenierung im Jahr 1991 wurde ein Begriff gewählt, der wohl ausschließlich Menschen mit linker bis linksextremer Gesinnung nicht passt und bereits mehrmals sogar sachlich falsch begründet wurde. Die offensichtlich fehlende Ausgewogenheit macht diese Wahl Jahr für Jahr zu einer Farce – die Jury setzt sich nicht mit den grundlegenden Problemen auseinander, die zu Wortschöpfungen führen, sondern urteilt aus dem eigenen Wohlbefinden heraus. Entsprechend offen wird die “Sprachkritische Aktion” oft als Sprachpolizei bezeichnet. Zurecht, denn durch die Wahlen betreibt der Verein in komplizierten, kontroversen Sachverhalten ausschließlich Diskreditierung und verhindert produktive Diskussionen.

Man mag zu Sinn oder Unsinn des Klimaaktivismus in Deutschland stehen, wie man will. Tatsache ist jedenfalls, dass diese Menschen eben nicht “gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands” ausüben. Denn zum Beispiel das Hindern anderer Menschen daran, nach Hause zu kommen oder zur Arbeit, ist per definitionem Gewalt. Und weil dieser Protest auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung pfeift und sich selbst außerhalb der Gesetze sieht, ist der Begriff “Klimaterroristen” sicherlich überspitzt, aber nicht falsch. Terror muss nämlich nicht mit Zerstörung oder Mord einhergehen. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet lediglich “Schrecken”. Entsprechend kennen wir Formulierungen wie Telefonterror oder Psychoterror. Habe ich deren Wahl zum Unwort bisher lediglich übersehen?

Keine Gewalt wäre es übrigens, eine Demonstration anzumelden und die eigenen Argumente dort zu propagieren. Unsere Demokratie bietet Unzufriedenen eine Menge Möglichkeiten, laut zu werden, und das ganz ohne Gewalt. Straßen blockieren, Flughäfen stürmen, Autoreifen zerschlitzen und anderes, das ist nun einmal Gewalt mit dem Ziel, die Bevölkerung auf die eigene Linie zu zwingen. Terror also. Und durchaus staatsfeindlich. Hm, aber vielleicht passt ein anderer Begriff genauso gut: Klimafaschivisten. Das ist dann mein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2023. Sprachpolizeiliche Aktion Marburg, bitte übernehmen!

Andere Meinung? Schreib’ eine Gegenposition!

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